Offen durch's Braunschweiger Land

Hochspannungsinstitut der TU Braunschweig, 1927
Hochspannungsinstitut TU Brausnchweig

Der Freistaat Braunschweig

In der Weimarer Republik

100 Jahre nach der territorialen Neuordnung Europas 1814 brach der Erste Weltkrieg aus. In der Endphase dieses Krieges kam es ab dem November 1918 im Deutschen Reich in vielen Städten zu Aufständen - so auch in Braunschweig. Am 8. November 1918 dankte Herzog Ernst August von Braunschweig und Lüneburg ab. Auf Grund heftiger politischer Auseinandersetzungen dauerte es bis zum Januar 1922 bis die erste Braunschweiger Verfassung in Kraft treten konnte; Braunschweig war nun Freistaat in den Grenzen des ehemaligen Herzogtums. Nach der Abdankung des Herzogs 1918 wurde die Sozialistische Republik Braunschweig ausgerufen. Als jedoch im April 1919 ein Generalstreik ausbrach, verhängte die Reichsregierung den Belagerungszustand über den Freistaat Braunschweig. Die derzeitige Regierung wurde abgesetzt, der Landtag konstituierte sich neu und neuer Ministerpräsident wurde Heinrich Jasper. Kam es nach der Wahl 1922 noch zu einer Mehrheit aus Sozialdemokraten und bürgerlicher Mitte, war 1924 das bürgerliche Lager der Gewinner. Zum ersten Mal erhielt auch ein Vertreter der NSDAP einen Sitz nach einer Wahl. Ministerpräsident wurde Werner Küchenthal. Erst 1927 konnte die Sozialdemokratie große Erfolge verbuchen und bildete mit der Duldung durch die KPD die neue Regierung. Ministerpräsident wurde erneut Heinrich Jasper. Der Erfolg von 1927 beruhte unter anderem darauf, dass sich das bürgerliche Lager zerstritten hatte und in kleinere Parteien aufgeteilt hatte. Bei der Wahl im September 1930 sollte sich dieses wieder ändern.

Heinrich Jasper
Heinrich Jasper (*1875;†1945)
Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig von 1922 - 1924 und 1927 - 1930, Büste von Jakob Hofmann (1951, Braunschweig, Casparistraße)
Landtagsgebäude des Freistaates Braunschweig
Braunschweig, Das Landschaftliche Haus, An der Martinikirche 8, erbaut 1794-99, Architekt Ch. G. Langwagen, ehemaliges Landtagsgebäude des Herzogtums Braunschweig / Freistaates Braunschweig, im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1990/94 vereinfacht rekonstruiert, heute Sitz des Amtsgerichts Braunschweig.

Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 1929 fand parallel zur Reichstagswahl die Landtagswahl statt. Sie endete mit einer Niederlage der SPD und einem Erfolg der "Bürgerlichen Einheitsliste" und der NSDAP. Die neue Koalition stellte als Ministerpräsidenten erneut Werner Küchenthal, jedoch mit Anton Franzen als Minister für Inneres und Volksbildung auch ein Mitglied der NSDAP. Damit war der Freistaat das zweite deutsche Land mit einem nationalsozialistischen Minister. Zwar trat Franzen schon im Juli 1931 wieder ab, dafür folgte ihm Dietrich Klagges im Amt. Hatte Franzen schon mit der Entlassung von Staatsangestellten mit sozialistischem Hintergrund begonnen, so führte Klagges diese Strategie auch mit Hilfe von Notverordnungen mit besonderem Eifer fort. Die Tatsache das im Freistaat Braunschweig der einzige nationalsozialistische Innenminister amtierte, verhalf zudem Adolf Hitler und der SA zu einem Aufmarsch vor dem Braunschweiger Schloss im Oktober 1931. Doch das traurigste Kapitel Braunschweigischer bzw. Deutscher Geschichte sollte noch folgen. Für die Reichspräsidentenwahl 1932 benötigte der staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft um kanidieren zu können. Auf Grund der Ernennung zum Regierungsrat der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin am 25. Februar 1932 durch die Regierungsparteien im Braunschweigischen Landtag wurde Adolf Hitler zum deutschen Staatsbürger.

Mandatsverteilung 1922 - 1930 im Braunschweigischen Landtag

1922 1924 1927 1930
KPD
(Kommunistische Partei Deutschlands)
2 2 2 2
USPD
(Unabhängige SPD)
17 - - -
SPD
(Sozialdemokratische Partei Deutschlands)
12 19 24 17
DDP
(Deutsche Demokratische Partei)
6 2 2 1
DVP
(Deutsche Volkspartei)
- 9 8 -
DNVP
(Deutschnationale Volkspartei)
- 10 5 -
LWV
(Landeswahlverband)
23 - - -
WEL
(Wirtschaftliche Einheitsliste)
- 4 4 -
BNP
(Braunschweigisch-Niedersächsische Partei)
- 1 - -
HuG
(Haus- und Grundbesitzer)
- - 2 -
BEL (Bürgerliche Einheitsliste)
(DNVP, DVP und Wirtschaftsverbände))
- - - 11
NSDAP
(Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei)
- 1 1 9
Sitze: 60 48 48 40
Ministerpräsident: Jasper Küchenthal Jasper Küchenthal

Braunschweigisches Staatsministerium
Braunschweig, Braunschweigisches Staatsministerium, Bohlweg 38, erbaut 1909 - 13, Architekten Fricke und E. Wiehe, westliche Fassade vom Ruhfäutchenplatz aus aufgenommen, ehemaliges Ministerialgebäude des Herzogtums Braunschweig / Freistaates Braunschweig, heute Sitz der Bezirksregierung.

Schon während des Wahlkampfes 1929/30 war die NSDAP durch gewaltätige Übergriffe auf andere Parteien, vornehmlich während deren Versammlungen hervorgetreten. Im besonderen SPD und KPD waren das Ziel dieser Gewalttaten, obwohl die Kommunisten nur eine untergeordnete Rolle in der Braunschweiger Parteienlandschaft spielten. Mit der Beteiligung an der Regierung und durch den Vorteil, dass ein NSDAP Mitglied auch noch Innenminister war, wurden diese Repressalien auch nach der Wahl fortgeführt. Mit dem Amtsantritt von Klagges wurde die NSDAP zur der entscheidenden Regierungspartei. Der bürgerliche Block hatte kaum noch etwas dagegenzusetzen und lief Gefahr selbst Opfer dieser Repressalien zu werden. Wer als Staatsdiener gegen die Gewalt der NSDAP vorging, wurde versetzt oder entlassen. Durch Schikanierungen und geschickte Propaganda schlossen sich in den folgenden Monaten immer mehr Vertreter des bürgerlichen Blocks der NSDAP an. Auf diesem Wege übernahm die Partei in den bürgerlichen Verbänden des Freistaats die Führungsrolle. Im Freistaat Braunschweig konnte der deutsche Bürger einen ersten Eindruck von dem sammeln, was im späteren gesamten Deutschen Staat zur Normalität werden sollte. Auch wenn die linken Parteien bei der Reichstagswahl im November 1932 zusammen mehr Stimmen erhielten als die NSDAP, einflussreiche Kräfte des deutschen Bürgertums umterschätzten trotz der Ereignisse im Freistaat den Durchsetzungswillen Adolf Hitlers und seiner Kampfverbände. Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler.

Während der Weimarer Republik setzte sich die wirtschaftliche Enwicklung fort, die schon im Herzogtum begonnen hatte. Die Industrialisierung beruhte im wesentlichen auf dem Maschinenbau, Feinmechanik und optischen Spitzenprodukten, die Elektro- und Chemieindustrie war nur selten anzutreffen. Während sich diese Unternehmen eher in den großen Städten wie Braunschweig und Wolfenbüttel ansiedelten, dominierten in den ländlichen Regionen Zucker- und Konservenfabriken, im Helmstedter Raum der Braunkohletagebau sowie im Harz und Weserbergland Manufaktur- und Bergbautraditionen. Hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg die Wirtschaft nur langsam erholen können, so stabilisierte sich die Lage Mitte der 20er Jahre. Dennoch wurden strukturelle Probleme nicht in Angriff genommen. Moderne Produktionsmethoden, wie die Automatisierung, wurden nur vereinzelt eingeführt. Durch Konzentrationsprozesse (z. B. Mühlenbau und Industrie Aktiengesellschaft - MIAG) und Rationalisierungen wurde versucht der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise entgegen zu wirken. Ende 1929 gab es in der Stadt Braunschweig 3.000 Arbeitslose, Anfang 1932 waren es 20.000 - damit lag die Arbeitslosenquote bei 27%. Die Wirtschaft lag darnieder.

Produktionshalle der MIAG
Braunschweig, Mühlenbauanstalt Amme, Gieseke, und Konegen - Ehemaliges Gießereigebäude, Ernst-Amme-Straße 19, erbaut 1902, heute Bühler GmbH, Braunschweig