Offen durch's Braunschweiger Land

Siebenarmiger Leuchter, Braunschweiger Dom, um 1188
Siebenarmiger Leuchter

Heinrich der Löwe

Machtmensch und Kunstmäzen

Heinrich der Löwe war ein Machtmensch, der durch den Erwerb weiterer Besitz- und Herrschaftsrechte seine Herrschaft immer weiter ausbaute. Ab 1144 begann Heinrich rigoros den niederen Adel in Sachsen zu unterwerfen und in seine direkte Abhängigkeit zu bringen. Besonders deutlich wird dies durch das 1154 vom König verliehene Recht der Investitur für die Bistümer Mecklenburg, Oldenburg und Ratzeburg sowie alle durch Heinrich III. neugegründeten Bistümer. Damit erreichte er eine quasi vizekönigliche Stellung in seinem sächsischen Herzogtum, kein anderer deutscher Fürst hatte eine solche Machtfülle. 1158 verlegte er das Bistum Mecklenburg nach Schwerin, 1159/60 den Sitz des Bistums Oldenburg nach Lübeck. Diese zunehmende Machtfülle führte ab 1166 zum "Sächsischen Krieg", inszeniert durch den Erzbischof von Magdeburg, den Bischof von Hildesheim, den Markgraf von Brandenburg (Albrecht der Bär) sowie verschiedenen Grafen aus dem nordelbischen Raum. Der Krieg konnte erst durch die Intervention des Kaisers Friedrich I. 1170 zu Gunsten Heinrichs beigelegt werden, was zu einer erneuten Stärkung der Macht des sächsischen Herzogs führte. Auch wenn in Bayern die gefestigten Strukturen eine aggressive Territorialpolitik wie in Sachsen nicht zuließen, verschaffte er sich auch hier verschiedene Feinde, in dem er ab 1158 konsequent den Salzhandel unter seine Kontrolle brachte. Dabei ließ er wichtige Brücken zerstören um sie an anderer Stelle wieder aufzubauen und durch Gründungen von neuen Siedlungen abzusichern. So gilt Heinrich der Löwe als Gründer von München (1158) und Landsberg am Lech (1160). Den Höhepunkt seiner Machtfülle bildete die Heirat mit Mathilde (*1156;†1189), der ältesten Tochter des englischen Königs Heinrich II. Plantagenêt. 1162 hatte sich Heinrich von Clementia von Zähringen scheiden lassen, 1166 das einzige Kind aus der ersten Ehe, seine Tochter Gertrud, mit Herzog Friedrich IV. von Schwaben verheiratet, und er selbst heiratete 1168 in Minden die 12-jährige englische Königstochter. Neben dem erheblichen materiellen Zugewinn waren es vor allem politisch-dynastische Gründe die Heinrich zu diesem Schritt bewogen haben dürften. Aus der Ehe mit Mathilde gingen fünf Kinder hervor - Richenza (*1172;†1208/09), Heinrich V (*ca. 1173/74;†1227), Lothar (*1174/75;†1190), Otto IV. (*1175/76;†1218) und Wilhelm (*1184;†1212/13).

Braunschweiger Löwe
Braunschweiger Löwe
Der Braunschweiger Löwe am Dom in Schwerin (oben), aufgestellt 1995 und am Dom in Lübeck (unten), aufgestellt 1975
Evangeliar Heinrich des Löwen
Faksimile des Evangeliar Heinrich des Löwen aus dem 12. Jahrhundert

Heinrich der Löwe war aber nicht nur Machtmensch, er war auch Förderer der Künste, was sich besonders in seiner Residenzstadt zeigte. Neben dem Burgbereich in Braunschweig, den er systematisch ausbauen ließ, und der Kirchengründung mit der Stiftskirche St. Blasius (1173), förderte er die Literatur und war Kunstpatron und Stifter von Kirchengerät. So gehen unter anderem der "Siebenarmige Leuchter" und der "Marienaltar" (um 1188) im Braunschweiger Dom auf ihn zurück. Seine über alle Grenzen hinaus bekannteste Stiftung ist die älteste erhaltene Bronzeplastik des Mittelalters nördlich der Alpen - der "Braunschweiger Löwe" (um 1166) auf dem Burgplatz in Braunschweig. Auch ein wichtiges Zeugnis der romanischen Buchmalerei des 12. Jahrhunderts, das Evangeliar Heinrichs des Löwen, war für seine Stiftskirche in Braunschweig gedacht. Heute befindet sich das Buch in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Als Förderer der Wirtschaft tat sich Heinrich ebenfalls hervor - neben seiner Residenzstadt förderte er den Handel in Lübeck und Hamburg durch entsprechende Privilegien, vom bayerischen Salzhandel war schon die Rede und in Lüneburg förderte er den Ausbau der Saline. Der Salzhandel war damit eine der wichtigsten Einnahmequellen für den Herzog.

Im Jahre 1172 begab sich Heinrich auf eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, von der er ein Jahr später zurückkehrte. In den nächsten Jahren kam es zu einem Wandel in seiner Reichspolitik. Mit den beiden Herzogtümern und den enormen Rechten in Sachsen hatte er innerhalb von ca. 25 Jahren eine königgleiche Machtstellung im Reich erreicht. Offenbar hielt sich Heinrich für unangreifbar und wollte nun nach der Königswürde greifen. 1175 kam es zum Zerwürfnis zwischen Heinrich und dem Kaiser, als Heinrich dem Kaiser die Gefolgschaft beim Kampf gegen den "Lombardischen Städtebund" verweigerte. Nach der Niederlage des Kaisers (1177) in Italien, die einige Reichsfürsten Heinrich zur Last legten, flammten im sächsischen Territorium verschiedene militärische Auseinandersetzungen wieder auf. Heinrich erhob Ende 1178 deshalb Klage auf dem Hoftag in Speyer vor allem gegen den Erzbischof Köln. Als Heinrich jedoch der Aufforderung des Kaisers beim Hoftag in Worms 1179 zu erscheinen nicht nachkam, wurde ihm im Wiederholungsfalle die "Acht" angedroht. Da Heinrich auch bei weiteren Hoftagen 1179/80 nicht erschien, wurde er auf dem Hoftag in Gelnhausen im März 1180 in Abwesenheit als Majestätsverbrecher verurteilt und aller seiner Reichslehen enthoben. Der sächsische Machtbereich wurde in einen westfälischen und einen sächsischen geteilt, das verbliebene Herzogtum Sachsen wurde Graf Bernhard von Anhalt, der jüngste Sohn von Albrecht den Bären, verliehen und das abermals neu aufgeteilte Herzogtum Bayern fiel an das Geschlecht der Wittelsbacher. In der nun folgenden militärischen Unterwerfung unterlag Heinrich, da seine Gefolgsleute auf die Seite des Kaisers wechselten. Auf dem Hoftag in Erfurt 1181 unterwarf sich Heinrich dem Kaiser, wodurch er wenigstens seine sächsischen Eigengüter in Braunschweig und Lüneburg behalten konnte. Er wurde in die Verbannung nach England geschickt, wo er sich von 1182 bis 1185 aufhielt. Das Angebot des Kaisers 1188 wieder in seine alte Herzogswürde eingesetzt zu werden, wenn Heinrich ihn auf einem Kreuzzug begleiten würde, schlug Heinrich aus. Er musste erneut ins Exil, jedoch blieb seine Frau in Braunschweig zurück. Ihr Tod 1189 nahm Heinrich zum Anlass wieder nach Braunschweig zurückzukehren. Da sich der Kaiser noch auf dem Kreuzzug befand, hatte Heinrich nur mit wenig Wiederstand zu rechnen. Durch geschickte Heiratspolitik mit seinen Kindern konnte sich Heinrich eine sichere Stellung im sächsischen Raum erarbeiten, was 1194 zur Begnadigung durch den Kaiser führte. 1195 starb Heinrich der Löwe in Braunschweig. Er wurde in seiner Stiftskirche neben seiner Gemahlin Mathilde bestattet. Zu Ehren der beiden wurde eine Grabanlage vor dem großen Chor der Kirche geschaffen.

Heinrich der Löwe
Heinrich der Löwe auf der Grabmahlplatte im Braunschweiger Dom, Burgplatz 5, errichtet um 1230/40
Krypta Dom
Krypta mit den Steinsarkophagen für Heinrich den Löwen (links) und seine zweite Frau Mathilde im Braunschweiger Dom, Burgplatz 5, Krypta erbaut 1935/36 (Walter und Johannes Krüger), nur der Sarkophag von Mathilde stammt aus dem Mittelalter
Herzog Albrecht der Fette
Heinrich der Löwe, Steinfigur auf Schloss Marienburg, Pattensen, um 1860

Heinrich der Löwe hinterließ seinen Kindern eine ähnliche Situation, wie er sie von seinem Vater geerbt hatte. Innerhalb von 5 Jahren hatte er sein mühevoll zurückgewonnenen Machtbereich verloren. Das welfische Territorium wurde geteilt, so dass es den Nachfahren unmöglich wurde jemals wieder eine solche Machtfülle aufzubauen. Sein Sohn Heinrich V. von Braunschweig wurde 1195/96 mit der rheinischen Pfalzgrafenwürde belehnt. Damit wurden die Welfen wieder in den Kreis des Reichsadels aufgenommen. Nur drei Jahre später wurde dann der dritte Sohn Heinrichs des Löwen, Otto IV., wenn auch nicht unumstritten (1198, "deutscher" Thronstreit, Doppelkönigtum), zum deutsch-römischen König gekrönt. Er wurde zwar 1209 durch Papst Innozenz III. zum Kaiser gekrönt, er musste sich während seiner Amtszeit aber immer gegen eine antiwelfische Opposition behaupten. Mit seinem Tod 1218 ging die Herrschaft des einzigen welfischen Königs bzw. Kaisers zu Ende. 1235 wurde der Sohn von Wilhelm von Braunschweig (jüngster Sohn Heinrich des Löwen), Otto das Kind, von Kaiser Friedrich II. mit dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg belehnt. Damit waren die Welfen wieder in den Kreis der Reichsfürsten aufgenommen.